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02 Jul 07

Bauboom

1 Kommentar Theorie | Jörg Hofstätter

Auf die Frage, wo sich denn die zur Zeit grösste Baustelle der Welt befände, wird man wohl so viele verschiedene Antworten nicht bekommen. Die muss wohl in China sein, werden viele behaupten, andere mögen Abu Dhabi oder Dubai ins Feld führen. Vielleicht wird man aber auch mit einem milden Lächeln auf einen virtuellen Ort verwiesen: Second life.

Second life, das digitale Manifest des Metaversums, ist zur Zeit in aller Munde. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht in einem Medium über dieses Phänomen, das zwar alles andere als neu, aber eben erst seit kurzem so bekannt ist, berichtet wird. Man liest von Immobilienhändlern wie Anshe Cheung, die mit viruellem Land ein reales Vermögen gemacht hat, von der unglaublichen Summe von 1 Million USD, die täglich in SL (Kurzversion von Second life) über die digitalen Ladentische wandert, von abertausenden virtuellen Jobs, die entstehen und nicht zuletzt von Firmen, die Inseln für ihre Dependancen erstürmen und sich ein trendiges Image und gute PR erhoffen. Der Bauboom ist enorm, die Baukosten verschwindend und die Möglickeiten scheinen unendlich. Es herrscht Aufbruchs-, nein, Goldgräberstimmung ist wahrscheinlich der treffendere Ausdruck. Aber wer plant eigentlich das zweite Leben? Fast jede Profession scheint sich zumindest ansatzweise neu zu erfinden, aber wo bleiben die Architekten?

Bei einem Rundflug und der Inspektion der Gebäude bleibt einem nur das virtuelle Kopfschütteln. Von einem romantischen Eklektizismus oder grossen, mit Glas verkleideten Kisten finden sich alle Verbrechen der Wirklichkeit in gesteigertem Masse in Second life wieder.

Warum werden hier Fassaden gebaut, wenn es keine Temperatur gibt, wieso Treppen, wenn man fliegen kann? Warum werden hunderttausende ohnehin zumeist leerstehende Konferenz- und Besprechungsräume gebaut, wenn Sitzen das letzte ist, worauf man in Second life Lust hat?

Kurz: warum wird die Realität 1:1 nachgebaut? Wo sind nur die Architekten, die das Potential sehen, gegen die Schwerkraft anmodellieren und eine architektonische Formensprache entwickeln? Lev Manovic, einer der Chefphilosophen der neuen Medien, hat schon vor ca. 15 Jahren die Notwendigkeit der Entwicklung des „erweiterten Raums“ (navigable space) gepredigt, einer navigierbaren, dreidimensionalen Datenbank durch das Digiversum. In SL ist davon nichts zu finden. Als eine der wenigen löblichen Ausnahmen sei an dieser Stelle die Adidas-Insel angeführt; hier hat man den Texturierungswahnsinn nicht mitgemacht und versucht, anstatt einer schlechten Steinmaserung mit Licht und der Farbe Weiss zu arbeiten. Das ist zumindest ein Ansatz, aber führt bei weitem nicht weit genug. Ich freue mich auf kilometerhohe, komplexe und durchwobene Pixelscraper, auf die endlich realisierbaren Walking- oder Plug-in Cities (Archigram, 1960er) um nur das Potential annähernd zu umreißen.

Nach dem SL-Hype sind wir in einem Vakuum angelangt. Jetzt geht es nicht darum, die virtuelle Welt mit geometrischem Müll zu verschmutzen, sondern an einer neuen, digitalen Ästhetik zu arbeiten. Das ist auf ein Aufruf an die junge Architektengeneration: schliessen wir uns zusammen und finden wir gemeinsam Lösungen, das zweite Leben hungert nach einer neuen Architektur. Nur wird man das erst begreifen, wenn diese auch existiert.

Alexandra Kropf
Geschrieben am Mittwoch, 31. Oktober 2007 um 21:22 Uhr
Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Hype um Second Life gerade wieder verebbt: Wenn die virtuelle Welt nur eine müde Kopie der wirklichen ist, gibt es wenig Grund sich dort zu tummeln.

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